Ein Muster, das ich fast täglich sehe
In meiner Praxis begegnet mir ein Muster so häufig, dass ich es inzwischen nach wenigen Minuten erkenne. Eine Person wirkt erschöpft, angespannt, irgendwie zuständig für alles. Die andere wirkt genervt, ein bisschen eingeschnappt, ausweichend. Und beide fühlen sich vom jeweils anderen nicht gesehen. Oft ist es so, dass der Mann in ein eher kindliches Verhalten rutscht und die Frau in eine Mutterrolle. Das ist aber keine Frage des Geschlechts. Ich erlebe es genauso umgekehrt und in gleichgeschlechtlichen Paaren. Entscheidend ist nicht, wer welche Rolle hat. Entscheidend ist, dass sich zwischen zwei erwachsenen Menschen ein Gefälle eingeschlichen hat, das mit Verantwortung zu tun hat.
Oft ist es so, dass der Mann in ein eher kindliches Verhalten rutscht und die Frau in eine Mutterrolle. Das ist aber keine Frage des Geschlechts. Ich erlebe es genauso umgekehrt und in gleichgeschlechtlichen Paaren. Entscheidend ist nicht, wer welche Rolle hat. Entscheidend ist, dass sich zwischen zwei erwachsenen Menschen ein Gefälle eingeschlichen hat.
Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich, Kind-Ich
Um zu verstehen, was da passiert, hilft mir ein Modell aus der Transaktionsanalyse. Es beschreibt drei Instanzen, die wir alle in uns tragen:
- Das Eltern-Ich: Hier sorgen wir, regeln, ermahnen, übernehmen Verantwortung.
- Das Erwachsenen-Ich: Hier schauen wir sachlich auf die Situation und entscheiden, was jetzt dran ist.
- Das Kind-Ich: Hier sind wir spontan, verspielt, lustvoll – aber auch trotzig, bockig, ängstlich.
Alle drei sind völlig normal. Alle drei haben ihren Platz. Es ist wunderbar, mit dem Partner albern zu sein. Es ist gut, sich umeinander zu kümmern, wenn einer krank ist. Schwierig wird es erst, wenn zwei Menschen dauerhaft in unterschiedlichen Instanzen unterwegs sind – und zwar gerade dann, wenn es um etwas Wichtiges geht.
Mechanismus 1: Einer bockt, einer muss
Stell dir vor: Ein Brief vom Finanzamt liegt auf dem Tisch. Es gibt eine Frist. Eine Rechnung muss bezahlt werden. Für die Kinder muss noch etwas besorgt werden.
Eine Partnerperson reagiert darauf mit einem Verhalten, das wir eher Kindern zuschreiben. Sie hat keinen Bock. Sie geht weg. Sie wird trotzig, schiebt es auf, will es einfach nicht machen.
Die andere Person fühlt sich dadurch in die Elternrolle gedrängt. In ihr entsteht der Gedanke: Ich muss das übernehmen. Sonst bricht hier alles zusammen.
Und die Person in der Kindrolle? Die erlebt das ganz anders. Ich habe hier gar keine Chance. Alles ist so spießig und schwer. Kann man nicht mal ein bisschen locker lassen? Genau so sagen es viele auch: „Chill mal, ist doch alles nicht so schlimm.“
Dieser Satz macht die Person in der Elternrolle verständlicherweise noch wütender. Und die Wut bestätigt der anderen Person, dass hier alles schrecklich ernst ist. Beide haben aus ihrer Perspektive recht. Und beide halten das Muster gemeinsam am Laufen.
Mechanismus 2: Einer wird klein, einer wird groß
Aus diesem ersten Mechanismus entsteht oft ein zweiter, leiserer. Er wirkt nicht nur in den angespannten Momenten, sondern sickert in den Alltag.
Die Person, die häufiger ins Kindliche rutscht, fühlt sich mit der Zeit tatsächlich kleiner. Fast so, als würde sie im Alter schrumpfen. Sie sagt irgendwann gar nichts mehr. Sie hofft, dass es schon gut gehen wird. Sie spricht Dinge nicht an, damit ihr nichts passiert. Oder sie lässt etwas unter den Tisch fallen – vielleicht vergisst es die andere ja.
Die Person in der Elternrolle rutscht dagegen immer häufiger ins Kontrollieren. Sie fragt nach. Sie hakt noch mal nach. Für die andere fühlt sich das an wie ein Test.
Und genau dieser Test verstärkt die ganze Dynamik. Je mehr kontrolliert wird, desto mehr zieht sich die andere Person zurück. Je mehr sie sich zurückzieht, desto mehr wird kontrolliert. Einer ist klein, einer ist groß. Einer ist Kind, einer ist Elternteil. So entsteht keine Beziehung auf Augenhöhe – obwohl sich beide genau das wünschen.
Augenhöhe heißt nicht Gleichheit
Augenhöhe ist für eine Paarbeziehung unglaublich wichtig. Aber Augenhöhe bedeutet nicht, dass beide alles gleich machen müssen.
Neulich stellte ein Paar seine Beziehung bei mir auf dem Systembrett. Sie wählte für sich ein Männchen. Er wählte für sich einen Hund. Zwei völlig unterschiedliche Figuren. Und ich habe gesagt: Das ist total fein. Ihr habt einfach unterschiedliche Herangehensweisen. Und irgendwann einmal war genau diese Unterschiedlichkeit für euch bereichernd.
Es geht also nicht darum, gleich zu werden. Es geht darum, die eigenen Wege auf Augenhöhe zu gehen. Jede Person darf dafür einstehen, was sie tut, wie sie es tut und warum sie es so tut. Ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und ohne die Art der anderen abzuwerten.
Unterschiedlichkeit als Lernaufgabe
Wirklich wachsen können wir in einer Beziehung erst dann, wenn wir das, was unser Partner oder unsere Partnerin kann, auch ein Stück weit als eigene Lernaufgabe sehen.
Ich kenne das aus meinem eigenen Leben. Ich konnte früher Dinge wirklich nicht locker sehen. Gar nicht. Mein Mann dagegen schon. Statt ihn dafür zu kritisieren, habe ich irgendwann angefangen, ihn zu fragen:
- Wie machst du das, dass dir die Meinung anderer so egal ist?
- Wie machst du das, dass dich das gerade nicht stresst?
- Woher nimmst du das Wissen, dass alles gut wird?
Daraus sind richtig gute Gespräche entstanden. Ich habe ein Stück von ihm gelernt – und er genauso von mir. Genau das macht Beziehung für mich aus.
Fragen für euch als Paar
Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst, lade ich dich ein, mal mit Neugier statt mit Vorwurf hinzuschauen:
- In welchen Situationen rutscht du eher ins Eltern-Ich, wann eher ins Kind-Ich?
- Was müsste passieren, damit dein Partner oder deine Partnerin nicht mehr kontrollieren muss? Und was, damit du nicht mehr ausweichen musst?
- Was kann die andere Person, das du gern ein bisschen mehr könntest?
- Wie würdet ihr diese Situation angehen, wenn ihr euch beide als Erwachsene begegnet?
Oft reicht schon die eine Frage „Wie machst du das eigentlich?“, um aus dem Gefälle wieder ein Miteinander zu machen.
Wenn ihr merkt, dass ihr allein nicht aus diesem Muster herauskommt, begleite ich euch gern dabei, wieder auf Augenhöhe zueinanderzufinden.
Bild: Image by congerdesign from Pixabay